Pronomen retten Leben: Was die Forschung über Sprache und trans* Gesundheit zeigt

Die korrekte Anrede von trans* Jugendlichen hängt mit einem geringeren Suizidrisiko zusammen. Das ist kein Eindruck, kein Appell aus der Community und kein Bauchgefühl, sondern ein Befund, den eine Studie des Trevor Project vom Dezember 2025 mit Daten aus über 12.000 Befragungen belegt. Das Ergebnis: Trans* und nicht-binäre Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren, die im Alltag mit ihren richtigen Pronomen angesprochen werden, unternehmen seltener einen Suizidversuch. Nach Berücksichtigung weiterer Faktoren war die Chance auf einen Suizidversuch im letzten Jahr um 31 Prozent geringer. Ohne diese Berechnung waren es 11 statt 17 Prozent. Die Daten stammen aus einer US-Befragung von 2024. Sie zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis für eine Ursache.

Hilfe in Krisen

Bei Suizidgedanken oder in akuten Krisen gibt es rund um die Uhr kostenlose und anonyme Hilfe:

  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (telefonseelsorge.de)
  • Telefonseelsorge, europaweite Nummer: 116 123
  • Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116 111 (nummergegenkummer.de)
  • Akute Gefahr: Notruf 112

Das Wichtigste in Kürze

  • Korrekte Pronomen gehen laut der Studie mit einer um 31 Prozent geringeren Chance auf einen Suizidversuch einher.
  • Nicht-binäre Jugendliche erfahren mit 37 Prozent die geringste Akzeptanz ihrer Pronomen.
  • Minderheitenstress ist die Hauptursache für psychische Belastungen, nicht die Transgeschlechtlichkeit selbst.
  • Die dgti e. V. bietet Peer-Beratung für Betroffene und Angehörige an.

Was die Zahlen sagen

Die Studie vergleicht zwei Gruppen: Jugendliche, deren Pronomen die meisten Menschen in ihrem Leben respektieren, und solche, bei denen das nicht so ist. In der ersten Gruppe berichteten elf Prozent von einem Suizidversuch im vergangenen Jahr. In der zweiten waren es 17 Prozent.

An den Extremen wird der Unterschied noch deutlicher. Von den Jugendlichen, die angaben, dass niemand in ihrem Umfeld ihre Pronomen verwendet, hatte ein Viertel im vergangenen Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Bei denen, die umfassend Akzeptanz erleben, lag dieser Wert bei zehn Prozent. Diesen Unterschied kann man nicht wegdiskutieren.

Suizidalität hat viele Ursachen, und eine Studie bildet nie das ganze Leben ab. Der Zusammenhang ist aber statistisch belastbar. Er zeigt sich in unabhängigen Untersuchungen aus Nordamerika und im deutschsprachigen Raum. Auch ältere Forschung des Bundesverbands Trans* kommt zum selben Ergebnis: Emotionale Unterstützung, also die eigene Person ernst zu nehmen und korrekt anzusprechen, verringert das Suizidrisiko bei trans* Jugendlichen nachweislich.

Pronomen als Signal, nicht als Formalität

Trans* Jugendliche leben häufig in einem Umfeld, das ihre Identität bezweifelt, ignoriert oder ablehnt. Dieser Dauerstress, den die Forschung Minderheitenstress nennt, hat nichts mit der Geschlechtsidentität selbst zu tun. Er entsteht durch die Reaktion anderer darauf. Und er schadet der psychischen Gesundheit.

Ein Pronomen ist in diesem Zusammenhang kein sprachliches Detail. Es ist ein Signal. Es sagt: Ich sehe dich. Ich erkenne an, wer du bist. Steven Hobaica vom Trevor Project, der die Studie leitete, beschreibt es so: Es geht nicht darum, jedes Pronomen auswendig zu kennen und nie einen Fehler zu machen. Es geht darum, es ehrlich zu versuchen. Es geht um die Haltung hinter dem Wort.

Für trans* Jugendliche, die schon wissen, wie die Menschen um sie herum über ihre Identität denken, macht das einen spürbaren Unterschied. Wer in der Schule, zu Hause und beim Arzt konsequent falsch angesprochen wird, erlebt jeden dieser Momente als Ablehnung. Wer korrekt angesprochen wird, spürt das Gegenteil: Zugehörigkeit.

Wer am seltensten korrekt angesprochen wird

Weniger als die Hälfte aller befragten trans* und nicht-binären Jugendlichen, genau 46 Prozent, gab an, dass die meisten oder alle Menschen in ihrem Leben ihre Pronomen verwenden. Bei den 13- bis 17-Jährigen sinkt dieser Wert auf 40 Prozent. Ältere Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren berichten häufiger von Akzeptanz: 51 Prozent.

Innerhalb der Community gibt es deutliche Unterschiede. Nicht-binäre Jugendliche sprechen andere am seltensten korrekt an. Nur 37 Prozent von ihnen berichten von Respekt für ihre Pronomen. Trans* Jungen und Männer erfahren etwas mehr Akzeptanz (52 Prozent) als trans* Mädchen und Frauen (48 Prozent). Ein wahrscheinlicher Grund: Nicht-binäre Pronomen wie they/them oder weniger bekannte Neopronomen sind vielen Menschen nicht vertraut. Sie nutzen sie deshalb seltener, auch wenn sie es grundsätzlich respektvoll meinen.

Das macht den Befund für nicht-binäre Jugendliche besonders wichtig. Sie brauchen die Anerkennung am meisten und erhalten sie am wenigsten.

Was das für Schule, Familie und Beratung bedeutet

Trans* Jugendliche verbringen den Großteil ihres Tages in der Schule. Genau dort respektiert man Pronomen am seltensten. Schulen, die aktiv auf eine geschlechterrespektvolle Haltung hinarbeiten, also nicht nur Richtlinien beschließen, sondern Lehrkräfte tatsächlich schulen, zeigen laut Daten des Trevor Project niedrigere Raten von Suizidversuchen bei LGBTIQ+-Jugendlichen. Das ist ein direkter Zusammenhang zwischen der Haltung einer Institution und psychischer Gesundheit.

Für Eltern ergibt sich ein klares Bild. Ihre eigene Haltung zu Hause ist einer der stärksten Schutzfaktoren. Familien, in denen trans* Jugendliche ihre Identität offen leben können und korrekt angesprochen werden, bieten Rückhalt. Ablehnung zu Hause belastet dagegen schwer, egal wie das Umfeld außerhalb der Familie reagiert. 40 Prozent der Eltern reagieren beim Coming-out ihres Kindes zunächst abweisend. Diese erste Reaktion muss nicht die letzte sein.

Für Fachkräfte in Beratung, Medizin und Pädagogik gilt: Die korrekte Anrede gehört zur professionellen Haltung. Sie kostet nichts. Wer nicht sicher ist, welche Pronomen eine Person verwendet, kann einfach fragen. Das ist keine unangemessene Frage. Es ist ein Zeichen von Respekt.

Eine Studie aus Kanada von 2022, erschienen im Canadian Medical Association Journal, zeigte, dass trans* Jugendliche ein fünfmal höheres Risiko für Suizidgedanken haben als Gleichaltrige ohne trans* Erfahrung. Das Risiko ist real. Die Gegenmaßnahmen sind es auch.

Unterstützung und Beratung finden

Trans* Jugendliche brauchen kein Mitleid. Sie brauchen verlässliche Ansprechpersonen und ein Umfeld, das sie korrekt anspricht. Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit bietet kostenlose Peer-Beratung an, von trans* Personen für trans* Personen und ihre Angehörigen. Wer Fragen zu Pronomen, Coming-out, Schule, Arztgesprächen oder zum Alltag als trans* Jugendliche*r hat, findet dort erfahrene Gesprächspartner*innen.

Auch Eltern, die nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen, sind dort willkommen. Das Gespräch kostet nichts und kann viel verändern.

Wer die Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit der dgti e. V. unterstützen möchte, kann spenden oder Fördermitglied werden. Jeder Beitrag stärkt die Strukturen, auf die trans* Menschen und ihre Angehörigen angewiesen sind.

Häufige Fragen

Warum ist die Verwendung korrekter Pronomen für trans* Jugendliche wichtig?

Die Verwendung korrekter Pronomen ist ein zentraler Schutzfaktor für die psychische Gesundheit. Laut einer US-Befragung geht der Respekt vor der geschlechtlichen Identität mit einer um 31 Prozent geringeren Chance auf einen Suizidversuch bei trans* Jugendlichen einher. Er hängt außerdem mit weniger Minderheitenstress und einem stärkeren Gefühl von Zugehörigkeit zusammen.

Was bedeutet Minderheitenstress im Zusammenhang mit trans* Personen?

Minderheitenstress bezeichnet die zusätzliche psychische Belastung durch soziale Diskriminierung, Ablehnung und Stigmatisierung. Dieser Stress gehört nicht zur trans* Identität selbst, sondern entsteht aus den Reaktionen der Umwelt, etwa wenn jemand konsequent falsche Pronomen verwendet.

Wie können Schulen trans* Jugendliche unterstützen?

Schulen unterstützen trans* Jugendliche mit einer geschlechterrespektvollen Haltung, der aktiven Verwendung der gewählten Pronomen und der Sensibilisierung des Lehrpersonals. Wenn Bildungseinrichtungen trans* Jugendliche anerkennen, hängt das mit weniger Suizidversuchen zusammen.

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