20 | 07 | 2017

Gleiche Chancen für alle - Kritiken

Kritiken werden unzensiert wiedergegeben. Eventuell notwendige Kürzungen werden dem Einsender vorher zur Freigabe vorgelegt. Die Reihe wird in zeitlicher Abfolge fortgeschrieben (z.Z.5 Beiträge, Stand 11.2000)

 

(1) MDK Berlin e. V. * Kelchstraße 23 * 12169 Berlin

04. Januar 2000

Sehr geehrte Frau Alter,

herzlichen Dank für Ihr Sachbuch. Ich gratuliere Ihnen zu dieser Fleißarbeit. Selbstverständlich kann man einige Punkte kontrovers diskutieren - es liegt am Gegenstand der Betrachtung und wird von Ihnen sicher auch so erwartet. Wenn das Buch aber Defizite im Kenntnisstand sowohl bei Betroffenen als auch bei den mit der Problematik befassten Mitarbeitern der unterschiedlichen Institutionen ausgleichen kann, ist ein wesentliches Ziel erreicht.

Sollten Sie wieder nach Berlin kommen, stehe ich Ihnen gerne für ein Gespräch zur Verfügung. Bitte haben Sie aber Verständnis, dass aus organisatorischen Gründen im MDK mittelfristige Terminabsprachen erforderlich sind.

Für das begonnene Jahr wünsche ich uns eine konstruktive Zusammenarbeit.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Dipl. Med. H.-W. Pfeifer 
Facharzt für Chirurgie, Sozialmedizin

 

(2) Robert Hohrein, für Redaktion connection)

30. Juni 2000

Transidenten sind nicht krank!

Man kann nicht über den eigenen Schatten springen, es sei denn, man tut es. Helma Katrin Alters "Gleiche Chancen für alle" ist eine Rückenstärkung für Transidenten. Leider hat sie sich für eine sehr wissenschaftliche Betrachtungsweise des Themas entschlossen. Fast zwanghaft hält sie sich an die in der Transgenderdiskussion aufgestellten Begriffsnormen, die vorwiegend aus dem Bereich der Sozialwissenschaften stammen. Das gibt dem Buch eine spröde Sachlichkeit. Eine Autorin, die so viel durchlebt hat, dürfte ruhig mehr persönliche Sprachfarbe zeigen.

"Gleiche Chancen für alle" ist ein Leitfaden für Transsexuelle in der Identitätsfindung, ein Fortbildungsbuch für Ärzte, Psychologen, Helfer und Angehörige und für all diejenigen, die auf der Suche nach sich selbst in Konflikt geraten mit den Normen der Gesellschaft. Wer könnte stärker an den Schranken des Gesellschaftsbildes rütteln als ein transsexueller Mensch? Wunderbar, wie Helma Katrin Alter vorführt, dass das Grundgesetz, das die Gleichheit aller Menschen garantieren will, sich selbst widerspricht. Um es überspitzt zu sagen, Transidenten sind nach dem Grundgesetz keine Menschen, denn das Grundgesetz gesteht nur Männern und Frauen (gleiche) Rechte zu. Die Autorin muss verdammt viel an ihrer Persönlichkeit gearbeitet haben, um diese harte Wahrheit liebevoll und trotzdem konsequent aufzuzeigen. Ihr Lösungsansatz: Menschlichkeit.

Dennoch bleibt sie unerbittlich: "Niemand hat das Recht, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie sich fühlen dürfen. So lange Transidenten von der Gesellschaft die Chance zur freien Entfaltung der Persönlichkeit vorenthalten wird, wird diese auch für die Folgen (im Original: "Folgekosten") aufkommen müssen."

 

(3) Marc, NRW

09. Juli 2000

Das Buch "Gleiche Chancen für alle" ist ein Sachbuch für alle Interessierten, aber auch Ärzte, Psychologen, Transidenten und deren Angehörige. Ein Buch für jedermann, der sich über das Thema 'Transidentisch" informieren möchte.

Ich als Betroffener kann nur sagen, dass das Buch sehr informierend ist und das Thema Transidentität in all seiner Spannbreite erläutert. Es wird also nicht nur das Phänomen Transidentität erläutert, sondern vielmehr auch auf Probleme, die sich nun mal oft daraus ergeben, hingewiesen.

Probleme, wie z.B. die rechtzeitige Erkennung von Transidentität, werden hier angesprochen, so dass Folgeschäden einer nicht rechtzeitig erkannten Transidentität schon in der Kindheit, verhindert werden können.

Darüber hinaus wird auch auf den richtige Umgang mit diesem Syndrom hingewiesen; so dass den Lesern vor Augen gehalten wird, dass Transidentität, ein Phänomen ist, das eher selten, aber doch vorkommt.

Trotz nicht genügender, wissenschaftlicher Erklärung wie das Syndrom einer Transidentität entsteht, wird in diesem Buch eindeutig darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht um eine Form von Perversität handelt und Transidentität nicht wegtherapierbar ist. Sondern viel mehr handelt es sich um eine Sache, die von ärztlicher und gesetzlicher Sicht als ein Syndrom mit krankheitswert, anerkannt wird. Diesen Punkt halte ich für sehr wichtig, denn so sollte es doch möglich sein Vorurteile dem gegenüber abzubauen und diesen Menschen mit Verständnis, statt Intoleranz zu begegnen.

In dem Buch werden viele ethische und moralische Punkte erwähnt, die nur allzu oft und gerne übersehen werden. Transidentität, ist somit nicht nur eine Sache, die ärztlich und gesetzlich abgeklärt sein sollte, vielmehr wird in dem Buch klar, dass Betroffene auch gesellschaftlich integiert werden müssen und somit auf das Verständnis aller angewiesen sind.

Weiterhin wurde aus dem Buch klar, dass durch den Krankheitswert des Syndroms, eine gesetzliche Absicherung zwar erwirkt wurde, aber wie bei allen Gesetzen der Mensch dahinter gerne übersehen wird. Eine Tatsache, mit der sich Betroffene zusätzlich zu all den Problemen einer Transidentität rumplagen müssen. Um das ganze Gesetzeschaos und die Voraussetzungen für Namens- und Personenstandsänderungen zu verstehen, hat die Autorin dieses Thema aufgegriffen und angesprochen, so dass man sich davon ein ganz gutes Bild machen kann.

Ich finde das Buch von daher empfehlenswert, da es sich viel mit den Thema Ethik, Moral, Erkennung und der gesetzlichen Lage Betroffener auseinandersetzt und somit eine Richtlinie für Transidentität vorgibt, die keine Falschinformationen, so weit mir das ersichtlich war, wie andere Bücher verbreitet. Da die Autorin selber betroffen ist, lag der Schwerpunkt in Aufklärung und nicht in Fragestellung. Dieses Buch dient daher zur Erkennung und Akzeptanz von Transidentität, zur Aufklärung vieler Fragen in gesetzlicher Form und viel mehr regt es durch ethischen und moralischen Themen zum Nachdenken an...

 

(4) Dr. Michel Heinrich aus D-78126 Königsfeld/Schwarzwald

23. August 2000

ein wertvolles Sachbuch /Diskussionsgrundlage für TS-Gespräche

Es ist der Autorin zu danken, dass sie zu verschiedenen Aspekten der Hilfen für transidentische Menschen sachliche Hinweise und ihre differenzierte Meinung mitteilt. Sie sind auch für Fachleute wertvoll zum Weiterdenken. Auch wenn ich noch nicht alle Kapitel im Einzelnen studiert habe, kann ich doch bereits feststellen, dass ich (aufgrund vielfältiger eigener Erfahrungen) mit der Grundhaltung (auch der psychotherapeutischen) der Autorin übereinstimme.

 

(5) Dr. Dr. Bernhard Wegener M.A., Berlin

09. November 2000

Die Autorin setzt sich in großer Breite mit Zeitströmungen und (Vor?)Urteilen auseinander. Es handelt sich um eine Apologie der Freiheit und Selbstbestimmung von Transidentiten, ein Begriff, der einen Abstand von dem sexualisierten Fachjargon markiert. Sie verteidigt, daß Transidenten gesunde Menschen sind. Es ergibt sich daraus die Aufgabe, diesen Menschen verständisvoll zu begegnen, aber vor allem deren Rechte zu achten. Auf sozialer und rechtlicher Ebene zeigt die Autorin zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche auf. Sie gibt Betroffenen Wegweisungen, wie sie sich besser im Gestrüpp der Verfahrensweisen orentieren können. Es werden alle wichtigen Themen aufgenommen, unter denen Transidenten auf ihrem Wege der Selbstfindung und in Kontakten mit Krankenkassen, Gerichten, Ärzten, Psychologen leiden.

Einige inhaltliche Schwierigkeiten ergeben sich in der Zusammenschau mit der Intersexualität. Letztere müßte genauer spezifiziert werden, weil darunter alle möglichen körperlichsexuellen Abweichungen fallen können. Jene verlangen aber sehr unterschiedliche Verfahrensweisen. Seit dem Psychotherapeutengesetz können Psychologen als approbierte Psychotherapeuten auch Diagnosen stellen. Fachgutachten ohne Diagnostik sind methodisch schwer vorstellbar.

Wenn vom Rezensenten auch einige wissenschaftliche Aspekte anders beurteilt werden, kann dem Tenor der Arbeit nur zugestimmt werden. Daß die Gesetzestexte mitgeliefert werden, ist ebenfalls zu loben, auch die kritische Bewertung der Hormonbehandlung, der Verfahrensweisen im Prozesse der körperlichen Anpassung.

Es ist eine engagierte, kritische Lektüre, die zu einem vertieften Veständnis für die Prolemlagen von Transidenten führt und jene ermutigt und praktisch unterstützt.

Dr. Dr. Bernhard Wegener M.A., 
Dipl. Psych., Psychotherapeut 
Krankenhaus Am Urban 
Dieffenbachstr. 1 
10967 Berlin 
(030) 697?26020/80