 |
|
 |
 |
 |
37 Grad - Ein
Junge namens Nina
Jugendliche im falschen Körper
Ein Film von Ulf Eberle und Kathrina Gugel
Kamera: Klaus Grittner
Sendedatum 27.4.04 22.15 Uhr
Nina schaut in den Spiegel und ist unzufrieden. Ihre Mutter soll ihr
eine möglichst auffällige Frisur für die Schuldisco machen.
Aber das, was da auf ihrem Kopf entsteht, ist ihr noch viel zu brav. Wie
pubertierende Mädchen mit 13 Jahren halt so sind. Nur ist Nina kein
Mädchen und auch in die Pubertät wird sie erst mal nicht kommen.
Nina ist ein transsexuelles Kind: geboren als Junge lebt sie seit fast
drei Jahren mit dem Namen und dem Aussehen eines Mädchens im holländischen
Arnheim.
Wenn Ninas Mutter alte Fotos ansieht, dann erzählt sie von den Zeiten
als Nina noch Guido hieß und die Eltern langsam begriffen, dass
mit ihrem Jungen irgend etwas nicht stimmte: Guido spielte mit Puppen,
zog sich Röckchen an, schminkte sich und wollte nur mit den Mädchen
spielen. Im Sommer bestand er darauf, am Strand mit Bikini herum zu laufen.
Die Kinderärztin erzählte den ratlosen Eltern dann erstmals
etwas von Transsexualität, die auch schon bei Kindern auftreten könne
und dass es in Amsterdam dafür eine Expertin gebe.
Die Expertin heißt Peggy Cohen und ist schon nach den ersten Treffen
mit Guido davon überzeugt, dass das Kind unter einer sexuellen Identitätsstörung
leidet, sich also als Mädchen fühlt, obwohl es mit einem Jungenkörper
geboren wurde. Nach einigen psychologischen Tests diagnostiziert die Ärztin
Transsexualität und verschreibt Guido Hormonspritzen, die die Pubertät
hinaus zögern. Das Kind soll nicht miterleben müssen, wie der
Körper immer mehr der verhassten männlichen Merkmale ausbildet.
Seitdem nennt sich Guido Nina, trägt lange Haare und kleidet sich
wie ein Mädchen. Die Mitschüler und Freundinnen haben eine Zeit
lang gebraucht, bis sie sich an den neuen Namen gewöhnt hatten. Auch
Ninas Geschwister haben akzeptiert, dass ihr Bruder jetzt ein Mädchen
ist. Nina ist überall beliebt und wer sie heute kennen lernt, käme
nie auf die Idee, dass dieses hübsche Mädchen eigentlich ein
Junge ist.
Ganz anders ist die Situation bei Lyle aus Füssen. Jeden Morgen
verschnürt er seine Brüste unter einem engen Mieder, zieht die
Baseballkappe dicht in die Stirn und hofft, dass er nicht wieder angepöbelt
wird, wenn er sich vor die Tür traut. Er ist achtzehn Jahre alt,
bis zu seinem sechzehnten Geburtstag hieß er noch Barbara, bis zur
Kommunion hatte Barbara noch lange blonde Haare. Die abgeschnittenen Zöpfe
hat Lyles Mutter damals in Zeitungspapier gewickelt und in einer Schublade
versteckt. Von Zeit zu Zeit holt sie sie heraus und wird sentimental.
"Dann denke ich an mein Mädchen,"
sagt sie. Auch Lyles Vater tut sich manchmal noch schwer damit, dass er
keine Tochter mehr hat.
Lyle hat es nicht leicht, als junger Mann akzeptiert zu werden. Regelmäßig
muss er eine Psychologin in München besuchen, die darüber entscheidet,
ob und wann er Tabletten mit männlichen Hormonen bekommt. Die Ärztin
will noch warten. Anders als in Holland dauert es in Deutschland sehr
viel länger, bis Transsexualität bei Kindern und Jugendlichen
diagnostiziert wird. Dabei ist für Lyle die Lage klar: Schon immer
habe er seinen weiblichen Körper gehasst, sagt er. In der Schule
fand er die Mädchen erst blöd, nach der Pubertät dann interessanter.
Seit ein paar Monaten hat Lyle eine Freundin,
aber nicht einmal sie darf Lyle nackt sehen. Er hasst seinen weiblichen
Körper.
Die Realschule hat er in diesem Jahr abgebrochen, weil der Druck durch
lästernde Mitschüler und verständnislose Lehrer zu groß
war. Aber ohne Abschluss und ohne amtlich bestätigte Geschlechtsumwandlung
will niemand Lyle einstellen. Tag für Tag sitzt er am Computer, schreibt
an andere Transsexuelle, sucht Unterstützung und Rat.
37 Grad erzählt die Geschichte von Lyle und Nina in der Zeit ihres
Erwachsenwerdens. Einer ohnehin nicht einfachen Entwicklungsphase, die
umso komplizierter wird, wenn man dabei dauernd in dem Gefühl lebt,
den falschen Körper zu haben. Wie die beiden Protagonisten ihr Problem
der Transsexualität zu bewältigen suchen, wie ihre Familien
und Freunde damit umgehen, das erzählt der Film in eindringlicher
Weise.
|
 |
 |