Wer in den Geschichtsbüchern nicht vorkommt, hat es auch in der Gegenwart schwer, gehört zu werden. Im Mainzer Institut français lag gestern Abend Aufbruch in der Luft. Zahlreiche Gäste aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft folgten der Einladung der Deutschen Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit e.V. (dgti). Gemeinsam stellten sie eine Pilotstudie vor, die eine jahrzehntelange Leerstelle schließt: „Verfolgung, Benachteiligung und Lebensrealitäten trans*, inter, nicht-binärer und agender Personen (tina*) im Nationalsozialismus (1933–1945) in Rheinland-Pfalz“. Damit wird erstmals die systematische Entrechtung dieser Menschen für ein ganzes Bundesland wissenschaftlich aufgearbeitet.
Moderator*in Heik Zimmermann (Koordinationsleitung KTD) führte durch den Abend. Staatsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler betonte in ihrem Grußwort den Stellenwert dieser Aufarbeitung für das Land. Ihr Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend (MASFFJ) hatte die Pilotstudie finanziell ermöglicht. Anschließend ordnete Petra Weitzel, erste Vorsitzende der dgti, die Studie in die langjährige Erinnerungsarbeit der Organisation ein. Ihr Fazit: Es braucht einen langen Atem, um verdrängte Geschichte ans Licht zu holen.
Menschen hinter den Aktennummern finden
Wie groß die blinden Flecken der Geschichtsschreibung bisher waren, zeigte Dr. Dana Mahr bei der Präsentation der Ergebnisse. Gemeinsam mit Jako Wende, Damir Padieu, Sarah Brühl, Janka Kluge, Christel Baltes-Löhr, Karl-Heinz Steinle und Dr. Rainer Herrn hat sie in den Archiven Pionierarbeit geleistet. Das Team stand vor einem bekannten Problem der historischen Forschung: Was über die Verfolgten existiert, stammt fast immer aus der Feder der Täter*innen. Polizei- und Gerichtsakten nutzen eine Sprache, die Menschen abwertet und gewaltsam der Ideologie der „Reinheit der Geschlechter“ unterordnet. Mit dem Ansatz des Queering Archives lasen die Forschenden diese Dokumente gegen den Strich. Sie suchten nach lokalen Netzwerken, verknüpften biografische Spuren und gaben den Betroffenen so ihre eigene Stimme zurück. Damit führt die dgti die seit 2012 in Rheinland-Pfalz laufende Aufarbeitung der Verfolgung queerer Menschen konsequent fort und legt das Fundament für zukünftige Forschungsarbeiten.
Wer darf erzählen?
Bei einer lebhaften Podiumsdiskussion mit den Autor*innen und aktivistisch engagierten Personen stand eines im Mittelpunkt: ihre ungewöhnliche, aber produktive Zusammenarbeit zwischen Laien und Wissenschaft. Besonders spannend war der Austausch darüber, wie diese Kooperation neue Perspektiven eröffnet – und gleichzeitig Fragen aufwirft: Wer hat die Deutungshoheit? Wer darf welche biografischen Geschichten erzählen, und unter welchen Bedingungen?
Ein Kernthema war die Sprache und die daraus resultierenden Schwierigkeiten, etwa bei der Frage nach angemessenen Formulierungen und Pronomen für Menschen, die in einer völlig anderen Zeit lebten. Die Suche nach passenden Begriffen bleibt eine wissenschaftliche Herausforderung – und zeigt, wie komplex die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist.
Doch die Diskussion machte auch deutlich: Die Rekonstruktion der Biografien dieser durch Aktengewalt diffamierten Personen ist möglich. Durch akribisches Recherchieren in Archiven – etwa zu Treffpunkten und Netzwerken in der Weimarer Republik – und durch Hinweise aus der Community selbst entstehen langsam Bilder einer vergessenen Geschichte. Die Pilotstudie wirft nicht nur historische, sondern auch ethische Fragen auf und unterstreicht, wie wichtig eine offene, partizipative Forschung ist.
Warum uns diese Geschichte gerade heute angeht
Die Studie zeigt, wie schleichend Entrechtung beginnt. Die Repressionen gegenüber tina* Personen entstanden nicht durch eine einzelne Behörde, sondern durch ein systematisches Zusammenspiel von Polizei, Justiz und Medizin. Besonders die Medizin trug durch pathologisierende Diagnosen und Zuschreibungen maßgeblich zur Legitimierung dieser Unterdrückung bei. Menschen wurden als „Abweichung“ markiert und Schritt für Schritt aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt.
Genau deshalb ist diese Arbeit heute so dringend. In vielen Ländern – und auch vor unserer Haustür – wird geschlechtliche Vielfalt wieder zum politischen Feindbild erklärt. Wenn extremistische und populistische Stimmen gegen trans*-, intergeschlechtliche, nicht-binäre und agender Menschen hetzen, kann historisches Wissen helfen, Muster sofort zu erkennen. Wer weiß, wohin gesellschaftliche Ächtung führt, schweigt nicht, wenn Grundrechte im Hier und Jetzt infrage gestellt werden.
Die Arbeit geht weiter
Der Abend in Mainz war ein starker Auftakt. Die Studie ist auf der Website der dgti allen Interessierten ab sofort öffentlich zugänglich und bildet damit eine wichtige Grundlage für die weitere Spurensuche. Denn in den Archiven lagern noch unzählige unerzählte Biografien. Deshalb geht die Spurensuche direkt weiter: Ein Folgeprojekt zur vertieften Quellenforschung ist bereits geplant und wird erneut vom rheinland-pfälzischen Sozialministerium gefördert. Jedes Schicksal, das wir heute vor dem Vergessen bewahren, gibt den Opfern von damals ihre Würde zurück und stärkt unsere offene Gesellschaft von morgen.