Stellungnahme der dgti e. V. zum Auftritt von Hilary Cass beim IACAPAP‑Kongress 2026 in Hamburg und zur Debatte um trans* Kinder und trans* Jugendliche.
Der IACAPAP‑Kongress Anfang Juli 2026 in Hamburg präsentiert sich als globales Forum für evidenzbasierte Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auf dieser Veranstaltung sind gleich mehrere Programmpunkte angekündigt, die sich mit aktuellen Fragen rund um Minderjährige mit Geschlechtsdysphorie beschäftigen. Umso irritierender ist die Entscheidung, Hilary Cass als Keynote‑Speakerin einzuladen.
Wie der Cass‑Review die Versorgung trans* Jugendlicher beeinflusst
Der von ihr verantwortete Cass Review wurde international wegen gravierender methodischer Mängel, selektiver Evidenzbewertung und politischer Instrumentalisierung kritisiert (Noone et al., 2025 / Horton, Pearce / Giordano / Grijseels / McNamara et al 2024). Fachgesellschaften wie die Endocrine Society, die American Academy of Pediatrics und WPATH haben zentrale Schlussfolgerungen der Review zurückgewiesen, weil sie weder dem Stand der Forschung entsprechen noch die Versorgungssituation trans* Jugendlicher realistisch abbilden (Endocrine Society, APA, WPATH, 2024).
Zwar gibt es an dem durchaus fundierten Artikel von McNamara et al eine Kritik von Cheung et al. Die Autor*innen argumentieren überzeugend, dass diese Quelle den Cass‑Review missversteht, indem sie ihn fälschlich wie eine klinische Leitlinie behandeln. So betonen sie, dass „die zentrale Kritik […] auf einem grundlegenden Missverständnis der Rolle und des Prozesses unabhängiger Begutachtungen“ beruhe (Cheung et al., 2024, S. 2). Diese Einordnung ist zutreffend und trägt zur notwendigen Entpolitisierung der Debatte bei. Gleichwohl weist der Artikel von Cheung et al. erhebliche blinde Flecken auf, die seine wissenschaftliche und gesundheitspolitische Aussagekraft einschränken.
Denn zentrale Aspekte der Versorgungspraxis, der politischen Dynamik und der epistemischen Asymmetrien werden ausgeblendet. Eine wissenschaftlich robuste Bewertung der Situation erfordert nicht nur die Kritik an fehlerhaften juristischen Analysen, sondern auch die Anerkennung, dass die Umsetzung des Cass‑Reviews zu einer evidenzfreien Nicht‑Versorgung geführt hat, die weder medizinisch noch ethisch vertretbar ist.
Die Einladung von Cass nach Hamburg verleiht einem Bericht wissenschaftliche Autorität, der nachweislich zur Verschlechterung der Gesundheitsversorgung trans Jugendlicher im Vereinigten Königreich beigetragen hat. Die daraus resultierenden Versorgungslücken, Wartezeiten und psychosozialen Belastungen sind gut dokumentiert (Connolly et al 2025, Horton, Pearce 2024 / Goodlaw Project 2026).
Besonders problematisch ist, dass mit Tobias Banaschewski und Florian Zepf zwei weitere Akteure prominent vertreten sind, deren öffentliche Beiträge in den vergangenen Jahren wiederholt zur Verunsicherung der Gesundheitsversorgung von trans* Jugendlichen beigetragen haben. Banaschewski hat in mehreren Kontexten Narrative reproduziert, die die Existenz trans* Jugendlicher pathologisieren oder deren Selbstbestimmung infrage stellen (Banaschewski, Kröning 2024, SEGM-Konferenz 2025).
Zepf wiederum argumentiert regelmäßig mit einer stark verengten Interpretation von „Nichtschaden“, die die Risiken des Nicht‑Handelns systematisch ausblendet – obwohl diese in der Forschung klar belegt sind, etwa hinsichtlich Depression, Suizidalität und Schulabbrüchen (Turban et al., 2020, Ehrensaft et al. 2018). Dass diese Positionen nun auf einem internationalen Kongress präsentiert werden, birgt das Risiko, politisch motivierte Restriktionen als „evidenzbasiert“ zu legitimieren.
trans* Kinder ernst nehmen: Was eine moderne Jugendpsychiatrie leisten muss
Aus Sicht der dgti ist es unverantwortlich, dass ein Kongress, der sich „evidence‑based approaches“ auf die Fahnen schreibt, Personen eine Bühne bietet, deren Positionen nachweislich zur Destabilisierung der Versorgung trans* Jugendlicher beitragen und eine trans* Kinder-Debatte aufmachen, die es nicht bräuchte. Die Einladung von Cass, Banaschewski und Zepf sendet ein fatales Signal an Betroffene, Familien und Fachkräfte: nämlich dass wissenschaftlich umstrittene, politisch aufgeladene und für Minderjährige potenziell schädliche Positionen als legitimer Teil des Fachdiskurses gelten sollen. Ein Tabuthema ist im Fachdiskurs die Gesundheitsversorgung trans* Jugendlicher nie gewesen, wie es Till Amelung fälschlicherweise suggeriert.
Die dgti fordert die Kongressleitung auf, Verantwortung zu übernehmen: durch transparente Einordnung der wissenschaftlichen Kritik, durch Einbindung von tatsächlicher trans* Expertise und durch klare Abgrenzung gegenüber politisch instrumentalisierten Narrativen. Eine moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie muss die Rechte, die Gesundheit und die Lebensrealitäten trans* Jugendlicher schützen – nicht deren Versorgung weiter gefährden.
Quellen:
– Noone C, Southgate A, Ashman A, Quinn É, Comer D, Shrewsbury D, Ashley F, Hartland J, Paschedag J, Gilmore J, Kennedy N, Woolley TE, Heath R, Biskupovic Goulding R, Simpson V, Kiely E, Coll S, White M, Grijseels DM, Ouafik M, McLamore Q. (2025). Critically appraising the cass report: methodological flaws and unsupported claims, BMC Med Res Methodol. 2025 May 10; 25(1):128. Erratum in: BMC Med Res Methodol. 2025 Dec 3; 25 (1):271
– Horton, Cal; Pearce, Ruth (2024). The U.K.’s Cass Review Badly Fails Trans Children, 2024 August 7, Scientific American.
– McNamara et al (2024). An Evidence-Based Critique of “The Cass Review” on Gender-affirming Care for Adolescent Gender Dysphoria, Yale University.
– Endocrine Society. (2024). Endocrine Society Statement in Support of Gender-Affirming Care.
– Grijseels, D. M. (2024). Biological and psychosocial evidence in the Cass Review: a critical commentary, International Journal of Transgender Health, 1–11.
– Giordano S (2024). Keep calm but do not carry on: ethical issues with the recommendations made by the Cass Review, Journal of Medical Ethics.
– Turban, J. L., et al. (2020). Pubertal Suppression for Transgender Youth and Risk of Suicidal Ideation. Pediatrics, 145(2), e20191725.
– WPATH. (2024). WPATH AND USPATH COMMENT ON THE CASS REVIEW.
– Goodlaw Project (2026). New data shows surge in trans kids’ suicides following healthcare rollbacks, February 7, 2026.
– Connolly, D.J., Meads, C., Wurm, A. et al. (2025). Transphobia in the United Kingdom: a public health crisis. Int J Equity Health 24, 155.
– Ehrensaft, D., Giammattei, S. V., Storck, K., Tishelman, A. C., & St. Amand, C. (2018). Prepubertal social gender transitions: What we know; what we can learn—A view from a gender affirmative lens. International Journal of Transgenderism, 19(2), 251–268.
– Banaschewski, T., et al. (2024). Gemeinsame Kommentierung des aktuellen Entwurfs der neuen
S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter“.
– F. Zepf, et al., (2024). “Beyond NICE: Aktualisierte systematische Übersicht zur Evidenzlage der Pubertätsblockade und Hormongabe bei Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie,” Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, vol. 52, no. 3, pp. 167–187.
– Cheung CR, Abbruzzese E, Lockhart E, Maconochie IK, Kingdon CC (2025). Gender medicine and the Cass Review: why medicine and the law make poor bedfellows, Arch Dis Child. 2025 Mar 19;110(4):251-255.
– Kröning, Anna (2024). Behandlungsleitlinie für „Trans“-Kinder – Jugendpsychiater schlagen Alarm. Welt, April 25 2024.
– Amelung, Till: Tabuthema Transkinder: Wenn der Fachdiskurs zurückkehrt, Blog Queer Nations, 3. Mai 2026.