Pronomen retten Leben: Was die Forschung über Sprache und trans* Gesundheit zeigt

Die korrekte Anrede von trans* Jugendlichen senkt deren Suizidrisiko messbar. Das ist kein Eindruck, kein Appell aus der Community, kein Bauchgefühl, sondern ein Befund, den eine Studie des Trevor Project vom Dezember 2025 mit Daten aus über 12.000 Befragungen belegt. Das Ergebnis: trans* und nicht-binäre Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren, die in ihrem Alltag korrekt mit ihren Pronomen angesprochen werden, unternehmen seltener einen Suizidversuch. Konkret 31 Prozent seltener.

Was die Zahlen sagen

Die Studie vergleicht zwei Gruppen: Jugendliche, deren Pronomen von den meisten Menschen in ihrem Leben respektiert werden, und solche, bei denen das nicht der Fall ist. In der ersten Gruppe berichteten elf Prozent von einem Suizidversuch im vergangenen Jahr. In der zweiten waren es 17 Prozent.

An den Extremen wird der Unterschied noch deutlicher. Von den Jugendlichen, die angaben, dass niemand in ihrem Umfeld ihre Pronomen verwendet, hatte ein Viertel im vergangenen Jahr versucht, sich das Leben zu nehmen. Bei denen, die umfassend Akzeptanz erleben, lag dieser Wert bei zehn Prozent. Das ist eine Differenz, die man nicht wegdiskutieren kann.

Suizidalität hat viele Ursachen, und eine Studie bildet nie das ganze Leben ab. Aber der Zusammenhang ist statistisch belastbar. Er wiederholt sich in unabhängigen Untersuchungen aus Nordamerika und im deutschsprachigen Raum. Ältere Forschung des Bundesverbands Trans* kommt zum selben Ergebnis: Emotionale Unterstützung, also die eigene Person ernstnehmen und korrekt ansprechen, verringert das Suizidrisiko bei trans* Jugendlichen nachweislich.

Pronomen als Signal, nicht als Formalität

Trans* Jugendliche leben häufig in einem Umfeld, das ihre Identität bezweifelt, ignoriert oder ablehnt. Dieser Dauerstress, den die Forschung als Minderheitsstress bezeichnet, hat nichts mit der Geschlechtsidentität selbst zu tun. Er entsteht durch die Reaktion anderer darauf. Und er schadet der psychischen Gesundheit.

Ein Pronomen ist in diesem Kontext kein sprachliches Detail. Es ist ein Signal. Es sagt: Ich sehe dich. Ich erkenne an, wer du bist. Steven Hobaica vom Trevor Project, der die Studie leitete, beschreibt das so: Es geht nicht darum, jedes Pronomen auswendig zu kennen und niemals einen Fehler zu machen. Es geht darum, es ehrlich zu versuchen. Um die Haltung hinter dem Wort.

Für trans* Jugendliche, die bereits wissen, wie die Menschen um sie herum über ihre Identität denken, macht das einen spürbaren Unterschied. Wer in der Schule, zu Hause und beim Arzt konsequent falsch angesprochen wird, erlebt jeden dieser Momente als Ablehnung. Wer korrekt angesprochen wird, spürt das Gegenteil: Zugehörigkeit.

Wer am seltensten korrekt angesprochen wird

Weniger als die Hälfte aller befragten trans* und nicht-binären Jugendlichen, genau 46 Prozent, gab an, dass die meisten oder alle Menschen in ihrem Leben ihre Pronomen verwenden. Bei den 13- bis 17-Jährigen fällt dieser Wert auf 40 Prozent. Ältere Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren berichten häufiger von Akzeptanz: bei 51 Prozent.

Innerhalb der Community gibt es deutliche Unterschiede. Nicht-binäre Jugendliche werden am seltensten korrekt angesprochen. Nur 37 Prozent von ihnen berichten von Pronomen-Respekt. Trans* Jungen und Männer erfahren etwas mehr Akzeptanz (52 Prozent) als trans* Mädchen und Frauen (48 Prozent). Ein wahrscheinlicher Grund: Nicht-binäre Pronomen wie they/them oder weniger bekannte Neopronouns sind vielen Menschen unvertraut. Sie werden deshalb seltener verwendet, auch von Menschen, die grundsätzlich respektvoll gemeint sind.

Das macht den Befund für nicht-binäre Jugendliche besonders relevant. Sie brauchen die Anerkennung am meisten und erhalten sie am wenigsten.

Was das für Schule, Familie und Beratung bedeutet

Trans* Jugendliche verbringen den Großteil ihres Tages in der Schule. Genau dort ist Pronomen-Respekt am seltensten. Schulen, die aktiv auf eine geschlechterrespektvolle Haltung hinarbeiten, also nicht nur Richtlinien verabschieden, sondern Lehrkräfte tatsächlich schulen, zeigen laut Trevor-Project-Daten niedrigere Suizidversuchsraten bei LGBTIQ+-Jugendlichen. Das ist ein direkter Zusammenhang zwischen institutioneller Haltung und psychischer Gesundheit.

Für Eltern ergibt sich ein klares Bild. Die eigene Haltung zu Hause ist einer der stärksten Schutzfaktoren. Familien, in denen trans* Jugendliche ihre Identität offen leben können und korrekt angesprochen werden, bieten Rückhalt. Ablehnung zu Hause belastet dagegen schwer, unabhängig davon, wie das Umfeld außerhalb der Familie reagiert. 40 Prozent der Eltern reagieren beim Coming-out ihres Kindes zunächst abweisend. Diese erste Reaktion muss nicht die letzte sein.

Für Fachkräfte in Beratung, Medizin und Pädagogik gilt: Die korrekte Anrede gehört zur professionellen Haltung. Sie kostet nichts. Wer nicht sicher ist, welche Pronomen eine Person verwendet, kann einfach fragen. Das ist keine unangemessene Frage. Es ist ein Zeichen von Respekt.

Eine Studie aus Kanada aus dem Jahr 2022, veröffentlicht im Canadian Medical Association Journal, zeigte, dass trans* Jugendliche ein fünfmal höheres Risiko für Suizidgedanken haben als Gleichaltrige ohne trans* Erfahrung. Das Risiko ist real. Die Gegenmaßnahmen sind es auch.

Unterstützung und Beratung finden

Trans* Jugendliche brauchen keine Mitleidsbekundungen. Sie brauchen verlässliche Ansprechpersonen und ein Umfeld, das sie korrekt anspricht. Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit bietet kostenlose Peer-Beratung an, von trans* Personen für trans* Personen und ihre Angehörigen. Wer Fragen zu Pronomen, Coming-out, Schule, Arztgesprächen oder einfach zum Alltag als trans* Jugendliche*r hat, findet dort erfahrene Gesprächspartner.

Eltern, die nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen, sind dort ebenfalls willkommen. Das Gespräch kostet nichts und kann viel verändern.

Wer die Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit der dgti e. V. unterstützen möchte, kann das über eine Spende tun oder Fördermitglied werden. Jeder Beitrag stärkt die Strukturen, auf die trans* Menschen und ihre Angehörigen angewiesen sind.

Teilen auf:

Weitere interessante Artikel

Logo der dgti e.V.

Spenden Sie für unsere Arbeit