Die Entscheidung für eine geschlechtsangleichende Operation (GAOP) oder Geschlechtsangleichung ist für viele trans* Personen ein tiefgreifender und bedeutender Schritt. Sie markiert oft den Beginn eines neuen, authentischeren Lebensabschnitts. Die große Mehrheit der trans* Menschen bereut eine geschlechtsangleichende Operation nicht. Es gibt aber auch Fälle, in denen Betroffene ihre Entscheidung im Nachhinein bedauern. Dieses Phänomen ist statistisch selten. Die Medien stellen es dennoch oft dramatisiert dar, ohne Zahlen transparent zu nennen oder die tieferen Gründe angemessen zu beleuchten. Was führt tatsächlich zu dieser Reue? Wie häufig kommt sie vor? Und wie können wir besser unterstützen, um solche Situationen zu vermeiden?
Nur sehr wenige trans* Personen bereuen ihre geschlechtsangleichenden Maßnahmen oder detransitionieren. Die Zahl variiert je nach Studie und Kontext. Eine Metaanalyse von 27 Studien mit zusammen 7.928 Patient*innen kam auf eine gepoolte Reuerate von 1 % (Konfidenzintervall: unter 1 bis 2 %; Bustos et al., 2021). Die niederländische „Amsterdam Cohort of Gender Dysphoria Study“ fand zum Beispiel Bedauern bei nur 0,6 % der trans Frauen und 0,3 % der trans Männer nach Gonadektomien (Wiepjes et al., 2018). Eine Umfrage unter 46 Chirurg*innen, die überwiegend in den USA arbeiten, ergab 62 Patient*innen mit Reue bei insgesamt etwa 22.725 behandelten Personen, das sind rund 0,27 % (Danker et al., 2018). Nur 30 % der angefragten Chirurg*innen antworteten, die Zahl der Behandelten beruht auf ihren Schätzungen.
Auch eine Detransition ist selten. Äußere Faktoren wie soziale Ablehnung oder Diskriminierung lösen sie oft aus. Laut einer Langzeitstudie lag die Rate der Jugendlichen, die zu einer cisgeschlechtlichen Identität zurückkehrten, bei nur 2,5 % (Wiepjes et al., 2021). Studien aus den Niederlanden berichten, dass nur 1,9 % bis 3,5 % der Jugendlichen die Behandlung mit Pubertätsblockern abbrachen. Es gibt keine Hinweise auf nennenswerte Bedauernsraten bei irreversiblen Behandlungen in dieser Altersgruppe (Wiepjes et al., 2021).
Warum manche trans* Personen ihre Operation bereuen
Die Gründe, aus denen trans* Personen ihre geschlechtsangleichende Operation bereuen, sind vielfältig und komplex:
- Unzureichende Vorbereitung und Beratung: Eine gute Beratung ist entscheidend. Einige Betroffene fühlen sich im Rückblick nicht ausreichend informiert oder betreut. Vor allem bei psychologischen und medizinischen Risiken wünschen sich manche trans* Personen mehr Transparenz und Unterstützung (Coleman et al., 2022). Um diese Lücke zu schließen, bietet die dgti Peer-Beratung für Trans*personen und deren Angehörige an.
- Unrealistische Erwartungen: Oft gilt die Operation als Lösung aller persönlichen Konflikte. Bleiben nach der Operation psychische Herausforderungen oder Unzufriedenheit bestehen, entsteht schnell Enttäuschung und Frust (Dhejne et al., 2014). Ein Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, hilft dabei, realistischere Erwartungen zu entwickeln und sich besser vorzubereiten.
- Soziale und familiäre Belastungen: Auch gesellschaftlicher Druck und Ablehnung in der Familie spielen eine große Rolle. Negative Reaktionen oder mangelnde Akzeptanz im persönlichen Umfeld können erhebliche psychische Belastungen auslösen, die zu Reue und Zweifeln nach der Operation führen (Herman et al., 2019). Für viele sind Community und gegenseitige Unterstützung entscheidend. Nutze das Netzwerk der dgti für Austausch und Unterstützung.
- Medizinische Komplikationen und ästhetische Ergebnisse: Körperliche Komplikationen oder Ergebnisse, die nicht den Erwartungen entsprechen, können die Lebensqualität nach der Operation stark beeinträchtigen. Solche Schwierigkeiten können die Freude an der erreichten Geschlechtsangleichung deutlich schmälern (Van de Grift et al., 2018).

Statistische Fakten zu Reuequoten bei geschlechtsangleichenden Operationen
Die Forschung zeigt, dass die Reuerate insgesamt sehr niedrig ist. Laut der Metaanalyse bereuen etwa 1 % der Menschen ihre Entscheidung für eine geschlechtsangleichende Operation (Bustos et al., 2021). Diese Zahlen zeigen, dass die meisten trans* Personen langfristig mit ihrer Entscheidung glücklich sind.
Es gibt allerdings methodische Herausforderungen: Unterschiedliche Definitionen von „Reue“, schwierige Langzeitstudien und historische Unterschiede in Akzeptanz und Qualität der Eingriffe erschweren die Datenerhebung (Danker et al., 2018).
Wie eine verbesserte Beratung helfen kann
Damit Menschen nach einer geschlechtsangleichenden Operation langfristig zufrieden sind, braucht es eine umfassende und einfühlsame Beratung:
- Zeit zur Selbstreflexion ermöglichen: Beratungsstellen wie die der dgti bieten genau diese Räume für Reflexion und Entscheidungshilfe.
- Kontinuierliche psychologische Unterstützung: Regelmäßige psychologische Begleitung vor und nach der Operation hilft bei Unsicherheiten und Herausforderungen.
- Realistische Erwartungen fördern: Klare, ehrliche und offene Gespräche über Chancen, Risiken und realistische Ergebnisse der Operation beugen Enttäuschungen vor.
Gemeinsam unterstützen und begleiten
Wer die Ursachen von Reue besser versteht, kann wirksamer unterstützen. Beratung und gegenseitige Unterstützung in der Community spielen dabei eine zentrale Rolle. Möchtest du die Arbeit der dgti unterstützen? Werde gern Fördermitglied oder hilf uns mit einer Spende, unsere Angebote noch besser zu gestalten.
Quellen:
- Coleman, E. et al. (2022). Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8.
- Dhejne, C. et al. (2014). An analysis of all applications for sex reassignment surgery in Sweden.
- Herman, J. L. et al. (2019). Suicide Thoughts and Attempts Among Transgender Adults.
- Van de Grift, T. C. et al. (2018). Surgical Satisfaction, Quality of Life After Gender-Affirming Surgery.
- Wiepjes, C. M. et al. (2018). Amsterdam Cohort of Gender Dysphoria Study.
- Bustos, V. P. et al. (2021). Regret after Gender-affirmation Surgery.
- Danker, S. et al. (2018). Surgeons‘ Experience with Regret of Gender-Confirmation Surgeries.

